Lektion 1, Thema 1
In Bearbeitung

Impuls: Verhaltensweisen, wenn etwas schiefläuft. (20 Minuten) Copy Copy

Die Führungskraft eines Bereiches beschwert sich, dass Deine Abteilung „wie­der einmal“ die dringend benötigten Dokumente nicht vollständig geliefert hat. Oder Du stellst fest, dass Deine Mitarbeiter mehr Zeit in Aufgaben investieren, als Du es erwartet hast und als Du möchtest. In Deinem Projekt sind Ergebnisse nicht vorhanden, so dass der Meilenstein nicht erreicht werden kann.

Wenn eine Situation für uns nicht zufriedenstellend ist, fragen wir uns: Was ist passiert? Was oder wer ist die Ursache? Wie konnte es dazu kommen?

Auf der Suche nach einer Erklärung, fangen wir dann an zu beschuldigen oder uns zu rechtfertigen. „Die anderen“ oder „die Situation“ sind die Ursache für die Misere. Auf die Fragen nach dem „warum“, dem „wer oder was“ hat das Problem verursacht, antworten wir vielleicht:

  • „Der Kollege versteht einfach nicht, dass die Dokumente wichtig sind!“
  • „Die Entwicklungsabteilung hält sich nicht an die Prozesse“.
  • „Unsere Prozesse sind schwerfällig!“

Unser Gehirn ist dafür entwickelt, Wirkungsketten zu erstellen und damit Lösungen und Antworten auf unklare, mehrdeutige Situationen zu geben. Eine unvollständige Ursache-Wirkungskette ist für unser Gehirn inkohärent. Um Kohärenz[1] wiederherzustellen, und das auch noch schnell, bedient sich unser Gehirn der schnellstmöglich verfügbaren Antwort: Der Auslöser ist „schuld“, also der Kollege oder die Umstände.

Eine weitere Verhaltensweise bezieht sich auf das Einhalten von „Verpflichtun­gen“[2]. Wir sehen keine Wahlmöglichkeiten, wir „müssen“. Eigentlich möchtest Du gerade mit einem Mitarbeiter ein Gespräch führen, aber Du hast mal wieder keine Zeit dafür. „Ich hätte es gerne anders, aber ich muss zu diesem Meeting.“

Manchmal richten wir unseren Ärger gegen uns selbst und würdigen uns herab. Wir empfinden Schuld und Scham. „Ich hätte besser kontrollieren sollen“. Irgen­detwas in uns hat nicht funktioniert, scheinbar außerhalb unserer bewussten Kontrolle.

Und wenn wir glauben, etwas nicht bekommen zu können, geben wir auf. „Du kannst sowieso nichts daran ändern.“

In diesen Zuständen von Beschuldigen, Rechtfertigen, Schämen, Verpflich­tung und Aufgeben, wie Avery sie nennt[3], sind wir überzeugt, dass uns unsere Realität auferlegt ist. Wir sehen uns als Opfer der Umstände, unserer Fehler oder des Verhaltens anderer.

In diesen Zuständen erkennen wir nicht, wie wir beitragen können, um die unzufriedenstellende Situation zu verhindern oder zu ändern. Wir fühlen uns ratlos oder hilflos und geben die Verantwortung ab[4]. Aus unserer Sicht müssen die anderen oder die Umstände sich ändern, damit die Situation sich bessert. Diese Verhaltensweisen schränken unsere Handlungsoptionen ein.

 Möchtest Du das? Oder möchtest Du als Gestalter Deiner Realität leben? Dann möchtest Du aus der “Verantwortung” heraus handeln[5] . Bringe Dich in einen Zustand, in dem Du lösungsoffen bist und selbstbestimmt entscheidest (vgl. Impuls Woche 4: Selbst-Bewusstheit Deiner Haltung).

Wichtig! Beschuldigen, Rechtfertigen, Schämen, Verpflichtung und Aufgeben sind natürliche Verhaltensweisen. Sie basieren alle aufgrund des Ursache-Wirkungs-orientierten Automatismus unserer Denkprozesse. Bewerte sie nicht, sondern richte Deine Aufmerksamkeit darauf, sie zu erkennen. Sie zu erkennen ist ein essenzieller Schritt. Es schafft die Basis für Deine Entscheidung: Im Verhalten bleiben oder in die Verantwortung übergehen. Entscheide freund­lich und klar.

Was es genau bedeutet „Verantwortung“ zu übernehmen, erfährst Du nächste Woche. Diese Woche schaust Du auf die Verhaltensweisen, die Dich einengen. Werde Dir bewusst, ob und wieviel die Verhaltensweisen Beschuldigen, Recht­fertigen, Schämen, Verpflichtung und Aufgeben in Deinem Alltag vorkommen und wie sie auf Dich wirken.

Und entscheide, ob Du ihnen Raum in Deinem Leben geben möchtest.

 

Hinweise zur Vertiefung

Weiterführende Literatur:

  • C. Avery, The Responsibility Process . Heidelberg : dpunkt.verlag GmbH, 2016. ISBN 978-3-86490-577-3.
  • B. Brüggemeier, Wertschätzende Kommunikation im Business. Paderborn : Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, 2017. ISBN 978-3-95571-715-5.
  • J. Corssen und S. Ehrenschwendner, Das Corssen-Prinzip: Die vier Werkzeuge für ein freudvolles Leben – Der Graphic Coach zur Selbstentwickler®-Methode – Mit Illustrationen von Florian Mitgutsch. München : Arkana in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2016. 978-3-442-34167-2.

Weiterführende Wochenübungen:

  • Klagefasten: Versuche, Dich diese Woche über andere nicht zu beklagen. Sich selbst dabei zu erwischen, ist eine wertvolle Erkenntnis!
  • Verbanne diese Woche die Worte „müssen“ und „sollen“ aus Deinem Wortschatz. Nutze stattdessen „wollen“ und „dürfen“.

 

[1] Kohärenz (lat. cohaerencia) bedeutet Zusammenhang. Ein Gedankengang z.B. ist kohärent, wenn er zusammenhängend, in sich logisch, schlüssig, nachvollziehbar ist.

[2] Vgl. (Avery, 2016)

[3] Vgl. (Avery, 2016)

[4] Vgl. (Brüggemeier, 2017)

[5] Vgl. (Avery, 2016), S. 92